Reportage: Fjäll Räven Classic

Ein Abschiedslied der Samen, dem Urvolk im skandinavischen Lappland, lässt die vor dem Start wartenden mitten im Gespräch über die richtige Ausrüstung, die aktuellen Wetterdaten und den bevorstehenden 110 km langen Weg verstummen.

Die tragende Melodie des melancholischen Singsangs hinterlässt eine Gänsehaut. Sie schwört jeden der rund 2000 Teilnehmer des diesjährigen Fjäll Räven Classic, einem mehrtägigen Wanderlauf in Nordschweden, vor dem Start auf die kommenden Erlebnisse ein. Es geht auf dem Pfad Kungsleden (Königspfad) durch Berglandschaften, unberührte Natur und ein Wechselbad der Gefühle. Das Lied klingt aus und das Startsignal entlässt die Trekking-Begeisterten, die in den nächsten Tagen nicht mehr machen müssen als sich selbst zu besiegen.

1740 Teilnehmer hatten sich so schnell wie nie zuvor in der jungen Geschichte der 110 km Trekking-Herausforderung angemeldet. Menschen aus 25 Nationen, darunter auch etwa 500 Deutsche, schnüren nunmehr zum 5. Mal die Bergschuhe, um sich in 7 Etappen von Nikkaluokta nach Abisko zu bewegen. Sogar aus Japan und Chile kommen Wanderer in den nördlichen Zipfel Skandinaviens, jenseits des Polarkreises. Wer innerhalb von drei Tagen das Ziel erreicht bekommt eine Goldmedaille. Der Schnellste, Jörgen Johansson aus Schweden, bringt die 110km-Strecke in 13 Stunden und 25 Minuten hinter sich und kann seinen Traum vom Sieg wahrmachen.

Die ersten 6 Kilometer zeigen die unterschiedlichen Ambitionen der Mitläufer. Während die Schnelleren im Laufschritt und leichtem Gepäck abzischen, setzen sich andere schon schwitzend zur ersten Pause in das wohl einzige “LappDonald´s” des Planeten. In der derben Holzhütte werden ausschließlich Rentier-Hamburger serviert. Viele nutzen das Angebot sich hier noch einmal, auf Gartenstühlen sitzend, stärken zu können. Auf dem Pfad wird es daher ruhiger. Der höchste Berg Schwedens, der Kebnekaise mit 2104 m kommt mit jedem Schritt näher. Im Gegensatz zum bewaldeten Süd- und Mittelschweden gibt es hier keine Bäume. Hochflächen ziehen sich vorbei an schneebeflockten Gipfeln und scharfen Felsen.  Bis zum ersten Kontrollpunkt am Fuß des Kebnekaise sind es 19 km. Eine freie Zeltplatzwahl ist trotz der Teilnehmerzahl kein Problem. Auch Vera (24) und Michael (27) bauen ihre Behausung in der Nähe des ersten Checkpoints auf. An jedem der 7 Punkte gibt es einen Stempel ins Wanderbuch und Verpflegung. Die besteht aus getrockneter Expeditionsnahrung und Brot. Vera hat sicherheitshalber noch 1,5 kg Äpfel mitgenommen und ihren Rucksack somit auf 18 kg gebracht. “Ich bin süchtig nach Äpfeln und kann einfach nicht darauf verzichten”, sagt die Lüdenscheiderin. Sie und Michael sind bei der Feuerwehr und verbringen ihren Urlaub bei dem Wettbewerb. “Wir gehen das gemütlich an, vielleicht 4 Tage”, sagt Michael, der schon Marathonerfahrung hat.

Der zweite Höhepunkt des Classic ist der 1200 m hohe Tjäktapass an dem viele Schwierigkeiten haben. Die Anstrengungen des bisherigen Weges, körperliche Defizite oder mangelnde Motivation lassen einige an dieser Stelle aufgeben. Die Psyche spielt hier eine große Rolle. “Wenn noch Regen dazukommt, kreist hier der Hubschrauber im Minutentakt”, sagt ein schwedischer Teilnehmer. Wie auf Stichwort nieselt es erst und regnet dann in dicken Tropfen. Es wird rutschig auf dem steinigen Hang. Die Sohlen der Stiefel finden in dem schlüofrigen Untergrund keinen Halt. Ist die Höhe aber erklommen hat man die Hälfte der Gesamtstrecke gemeistert – Bergfest. Das entspannte Prasseln der Tropfen auf der Kapuze wird nur durch den Rotorlärm des Hubschraubers unterbrochen, der im angekündigten Takt Passagiere aufnehmen wird, die den Fjäll Räven Classic vorzeitig beenden wollen. Die Leidensfähigkeit eines jeden ist gefragt, wenn 110 km aus eigenem Antrieb zurückgelegt werden, egal wie sportlich man ist. Manchmal rät der Verstand zum Aufgeben, anderes Mal kommt eine Verletzung ins Spiel. Auch für diesen Zweck ist der Hubschrauber zur Stelle. Wie bei Rainer aus Dortmund, der sich eine unschöne aber nicht gefährliche Platzwunde am Kopf zuzog nachdem er über einen Stein stolperte. “Das ging einfach zu schnell”, sagt der gut vorbereitete Mittfünfziger.

Keine ausgelassenen Gespräche mehr, nur noch gehen. Einen Fuß vor den anderen. Jeder der unzähligen Steine hinterlässt einen schmerzlichen Eindruck im Fuß. Kleine Steine wie Nadeln, große machen einen dumpfen Schmerz. Am Wegesrand versorgen erschöpfte Wanderer ihre Körper. Mangelnde Vorbereitung rächt sich, auch wenn der Classic kein “Todesmarsch” ist und durchaus auch von Familien unternommen wird. Klebestreifen werden über alle Arten von Abschürfungen, Blasen und nicht identifizierbaren Rötungen geklebt. Neben Mückenspray sind Blasenpflaster und medizinisches Klebeband die gefragtesten Mittel in der Reiseapotheke. Es wird geklebt was das Zeug hält. So entsteht Freundschaft. Mit sich selbst und anderen.

Der Kieron, ein Berg auf dem letzten Drittel der Strecke fordert seinen Tribut. Der Weg fordert Körper und Psyche. Hinter jeder Ecke erhofft man sich das Ende der Tortur, dass schier unerreichbar ist. Mücken und kleine Fliegen, die “Knott” gennant werden, geben ihr Übriges zum Unwohlbefinden dazu. Hinter der nächsten Ecke muss es doch sein. Nein, dann weiter. Mit einer unendlich motivierenden Leckerei in Form von Pfannkuchen mit Preiselbeeren versüßen die freiwilligen Helfer schließlich die Ankunft am letzten Kontrollpunkt. Inzwischen humpeln viele, freuen sich aber wie die Kinder über die süße Pause. Mit Marmelade verschmierten Mündern diskutiert eine Gruppe über die letzten Kilometer, die sich wie eine Reise durch die Hölle voller Steine angefühlt hat. “Wenn ich den Typen erwische der vor einer Millionen Jahre die ganzen Steine dahin gerollt hat… “, sagt Andreas, ein stämmiger Schwede mit Knieverband, der dabei ein Grinsen nicht verbergen kann. Seine auf ihren Rucksäcken sitzenden Mitstreiter lachen. So schön können Schmerzen sein.

Auf dem letzten Teil der Strecke geht es im Nationalpark von Abisko auf dem Kungsleden Richtung Ziel. Der Pfad wurde Anfang des letzten Jahrhunderts angelegt und besteht einem nördlichen und einem südlichen Teil. Der ältere und bekanntere auf dem auch der Fjäll Räven Classic begangen wird hat eine Länge von ca. 440 km und führt von Hemavan und Kvikkjokk über den Tjäkta-Pass bis Abisko. Auf dem letzten Teil bis Abisko prägen wieder Bäume das Bild. Mit steifen Schritten ist es ab hier nicht mehr weit bis ins Ziel, der Touristenstation von Abisko.

Mit Applaus wird jeder Ankommende im sogenannten “Trekkers Inn” begrüßt, um dann umgehend die begehrte Medaille des Classic zu bekommen. Bis hierher hat die Strecke viel gefordert aber auch eine Menge positive Eindrücke hinterlassen. Der Weg war wiedermal das Ziel. Alle laufen zusammen, aber am meisten für sich selbst. Vera und Michael werden am Ende etwas mehr als 80 Stunden gebraucht und eine Silbermedaille bekommen haben. Wegen der Platzwunde und einer weiteren Untersuchung am Kopf muss Rainer den Lauf abbrechen. Er wird es vielleicht im nächsten Jahr wieder probieren. Weniger als 10 % werden es ihm gleich tun und das Ziel nicht erreichen. Andreas wird trotz seines schmerzenden Knies eine Goldmedaille erhalten. Er wird seinen 24 Kilo-Rucksack auch im nächsten Jahr packen.